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ABENTEUER

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Abenteuer – Was ist das?


INHALT - Fortsetzung von Seite 1

© by Norbert Lüdtke , Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens – AGIR, www.reisegeschichte.de.
Zitieren mit Quellenangabe.


...

das Glück
… als Zufall, Schicksal, Fügung, Wunder … Glück im Unglück … als Glück des Tüchtigen

die Phantasie
… als Nährboden für Ideen, Vorstellungen, Wünsche, Visionen … als Fähigkeit zur Verwunderung, zum Staunen … als Fähigkeit, das Schöne in der Welt zu entdecken

die Sehnsucht
… einen bedeutenden Erfolg zu erreichen … nach etwas: Ferne, Sicherheit, Freiheit … … Hoffen & Hoffnung

die Neugier

2 Paradigmen des Abenteuers

Der Entdecker

Der Erforscher

Der Held

Der Ritter

Der merchant adventurer

Der Abenteurer der Zukunft


3 Wahrgenommenes Abenteuer

Grenzüberschreitung und Regelverletzung

Abenteuer als Erzählform
Vom best-teller zum best-seller: Erzählung, Mär, Sage, Moritat, Epos, Roman, Reisebericht, Comic, …

Abenteuer als Mythos & Ideologie




das Glück

… als Zufall, Schicksal, Fügung, Wunder
… Glück im Unglück
… als Glück des Tüchtigen


Bei den handwerkern heiszt abenteuer erwarten oder sein handwerk auf abenteuer treiben bald soviel als auf bestellte arbeit warten, bald arbeit auf den kauf verfertigen, folglich auf gut glück arbeiten. ich stund und schaut gut abentheuer. SCHMELZL. lobspruch 71.
Grimms Wörterbuch


Der Abenteurer verläßt sich zwar in irgendeinem Maße auf die eigene Kraft, vor allem aber auf das eigene Glück, eigentlich auf eine sonderbar undifferenzierte Einheit beider.

Die Kraft, deren er sicher ist, und das Glück, dessen er unsicher ist, gehen subjektiv doch zu einem Sicherheitsgefühl in ihm zusammen.
Georg Simmel: Philosophische Kultur


Im Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft hat es eine tiefgreifende Veränderung der äußeren Lebensbedingungen gegeben. Das Leben in der modernen Industriegesellschaft ist nicht mehr in erster Linie bestimmt durch vordergründige Daseins(für)sorge, es geht nicht mehr um das „tägliche Brot“, um den Kalorienminimalbedarf, der zum Überleben nötig ist. Aus der Jagd zum Überleben ist die Jagd nach dem Erleben geworden. „Erlebnisorientierung ist die unmittelbarste Form der Suche nach Glück“(Schulze, S.14). Für das „glücklich Leben“ tut sich eine unübersehbare Angebotsvielfalt auf. Aus dieser Angebotsvielfalt muß eine Auswahl getroffen werden. Da es für dieses Auswählen keine allgemein verbindlichen Vorschriften oder Übereinkünfte mehr gibt, ist es eine Aufgabe des Individuums, sich selbst die Erlebnisse auszusuchen und zu gestatten, die das Leben zu einem glücklichen werden lassen. … Geldverdienen und Geldausgeben allein reichen zum Leben nicht aus. Vor allem dann nicht, wenn es dabei nicht allein um Geldverdienen und Geldausgeben geht, sondern wenn darüberhinaus damit der Versuch unternommen wird, daraus einen Lebenssinn zu gewinnen. Die Krise des postmodernen Menschen ist eine Sinnkrise. Hinter dem Motto „Leben ist Erlebnis“ steckt der Versuch, sich einen immanenten Sinnhorizont zu verschaffen, semantisch als „Glück“ umcodiert.

Dieser Versuch ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Zum einen kann das, was der Begriff „Leben“ umschreibt, nicht in dem eingefangen werden, was an Erlebnissen (Glück) möglich ist. Zum anderen wird das, was an Erlebnissen (Glück) möglich ist, überfordert, wenn es dazu dienen muß, Leben „herzustellen“ und sinnvoll zu machen.

Ein befriedigtes Bedürfnis läßt ein Gefühl der Leere zurück – ein „erreichter“ Sinn wird sinnlos im Moment des Erreichens. Der in den Angeboten dieser Welt (wobei Welt der jeweilige soziale Bezugsrahmen des Menschen ist) seinen Sinn suchende Mensch wird zu einem gehetzten Jäger. Er jagt etwas hinterher, das im Moment des Erreichens sich in Luft auflöst.
Kick, Fun, Thrill: Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Niedersachsen


Fremd ist dem Abenteuerroman die Charakteridee. Denn der Abenteurer ist charakterlos wie Proteus. Er kennt weder vereinbarte Richtung noch innere Gesetzlichkeit. Seine Göttin ist Fortuna, sein Gesetz der Zufall.
Otto F. Best


In Chaucers Canterbury Tales stellt sich Frau Fortuna vor: »Bruder, nennt mich Aventure …« und in der Provence entsteht eine Frau Aventure, die Glück bringt. Diese Nebenbedeutung von Aventure gewinnt in dem Maße, als die Hauptbedeutung gesellschaftlich in Verruf gerät. Sie wird insbesondere in Deutschland, England, Italien zum festen Terminus der Handelssprache. Reisende Kaufleute, Fernhändler werden als Abenteurer bezeichnet, ohne daß dies abwertend gemeint wäre, vereinzelt wurde gar die Ware, die hohen Gewinn versprach, als Abenteuer bezeichnet. Der Aventiurehandel bezeichnete ein Absatzgebiet, dessen Absatzmöglichkeiten unbekannt waren.


die Phantasie

… als Nährboden für Ideen, Vorstellungen, Wünsche, Visionen
… als Fähigkeit zur Verwunderung, zum Staunen
… als Fähigkeit, das Schöne in der Welt zu entdecken


Demgemäß auch wird mit abenteuerlich alles Das bezeichnet, was über die Gesetze der Natur oder die der moralischen Welt hinausgeht und seine Entstehung vielmehr einer zügellosen Phantasie und blindem Thatendurst als irgend einem vernünftig sittlichen Zweck verdankt.
Brockhaus, Stichwort Abenteuer, [1851]


... Danach käme die Neugier, die Wißbegier, der Forschungsdrang und - die Abenteuerlust, diese immerhin der Phantasie am nächsten verwandt. …
Richard Seewald: Gestehe, daß ich glücklich bin


Derart rasche Übergänge zu neuen Formen der Zivilisation sind nur dann möglich, wenn das Denken der Menschen den Gegebenheiten der bestehenden Zivilisation vorausgeeilt ist, wenn sich die Lebenskraft der betreffenden Völker in ein Abenteuer der Phantasie gestürzt hat, das die physischen Abenteuer der Exploration des Neuen antizipiert. ...
Alfred North Whitehead: Abenteuer der Ideen


„Dass es im Urlaub wesentlich um die Realisierung von Phantasien geht, haben die Fremdenverkehrsmanager besser begriffen als die meisten Theoretiker des Tourismus. In deren Vorstellungen erscheint das imaginäre Moment meist als bedauerliche Restgröße: als Verfälschung der Wahrnehmung, die eine wirkliche Erfahrung der Fremde verhindere. Demgegenüber wird im vorliegenden Buch die Imagination als eine der zentralen Triebkräfte des Tourismus betrachtet. Urlauber konstruieren sich mit ihrer Hilfe eine eigene Wirklichkeit. Die Ferien-Erfahrungen haben im Verhältnis zur „harten Realität“ des Alltags einen fiktiven Zug. Das fremde Land geht mehr oder minder stark in die touristische Erfahrung ein, immer aber wird seine Wirklichkeit umgearbeitet und eigenen Bedürfnissen dienstbar gemacht. Das ist nicht notwendig ein Zeichen von „Blindheit“, wie die Kulturkritik behauptet. Touristen sind keine Sozialwissenschaftler, keine Geologen oder Botaniker. Der Anspruch, sie sollten eine fremde Welt objektiv erfahren, verkennt die Antriebe und Eigenarten des modernen Reisens. Wie in der Literatur, im Film, in der bildenden Kunst geht es im Tourismus nicht primär um Erkenntnis, sondern wesentlich um das Erleben fiktiver Räume. Diese Erfahrung ist in allen Kulturen verbreitet; sie scheint zu den menschlichen Grundbedürfnissen zu gehören. Die besonderen Bedingungen der europäischen Neuzeit - materieller Wohlstand, Entwicklung der Freizeit, günstige Verkehrsverhältnisse, relative Sicherheit - haben es erstmalig möglich gemacht, von Phantasiewelten nicht nur zu träumen, sondern sie physisch aufzusuchen.“
Hennig, Christoph: Reiselust: Touristen, Tourismus und Urlaubskultur


die Sehnsucht

… einen bedeutenden Erfolg zu erreichen
… nach etwas: Ferne, Sicherheit, Freiheit …
… Hoffen & Hoffnung


Das Prinzip Sehnsucht ist das A und O des Reisens. Die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden ist die Triebfeder. Die Sehnsucht nach Entgrenzung macht aus Reisenden Flüchtende und Suchende. Die Sehnsucht nach e-motionaler Erfahrung (motion/emotion) ist groß: Einerseits ist die Tourismusindustrie der größte Wirtschaftszweig der Welt, andererseits gehört das Drogenproblem zu einer der Hauptsorgen westlicher Gesellschaften.

Das Sehnen entfaltet sich als emotionale Bewegung auf etwas Unbestimmtes und Unfaßbares hin. Die Sucht ist, ganz im Gegensatz dazu, ein Verlangen nach etwas Bestimmtem. Das Sehnen paart sich mit der Neugierde und die Sucht mit der Angst.

Das Wort Sehn-Sucht sagt bereits, daß Sehnen zur Sucht wird. Sowohl künstliche (Ferien-)Paradiese als auch Drogen, beides lähmt den Menschen in seiner Sehnsucht, so der Schweizer Psychologie Matthias Vogt. Die „Reisewut“ vieler Menschen hat Suchtcharakter. Vogts Analyse kommt zum Schluß: Es ist ein Phänomen unserer Zeit, daß „viele Menschen Sehnsüchte gar nicht aufkommen lassen, sondern auf sofortige Bedürfnisbefriedigung und Spannungsabfuhr fixiert sind. Unser heutiges Leben ist wahrscheinlich der Sucht näher als dem Sehnen“. … Vielleicht ist der Begriff der Sehnsucht noch das Präziseste, was sich zur Authentizität, zur Liebe und zum Reisen sagen läßt. Sehnsucht richtet sich auf etwas, was sich entzieht, sie ist die heftigste Form der Reise.

Sehnsucht wird häufig als „Fernweh der Seele“ bezeichnet. Sehnsucht steht für ein Ziehen oder Gezogenwerden in eine - bestimmte und/oder unbestimmte - Ferne. Sehnsucht überfällt uns als kleine Unruhe mitten im Alltag. Der Philosoph Wilhelm Dilthey (1833-1911), dem die Selbstbesinnung wichtig war, hat von der „dunklen Sehnsucht nach Erweiterung unseres Daseins in uns“ gesprochen. Damit hat er Menschen wie sich selbst gemeint, „die wie auf einer Wanderung begriffen sind und in keinem Gemüth eine Heimat haben“.

Das Sehnen weist auf eine zwar unbestimmte und unfaßbare Bewegung hin, die aber erahnt werden kann. Der Philosoph Bloch schreibt in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ vom Sehnen, dem „einzigen bei allen Menschen ehrlichen Zustand“. Das Sehnen sei, ähnlich wie der Drang, vage und allgemein, „doch es ist deutlich wenigstens nach außen gerichtet. Es wühlt nicht wie das Drängen, sondern schweift, das freilich gleichfalls ruhelos schlechthin, süchtig. Und verbohrt es sich dabei in sich, so bleibt das Sehnen bloße allgemeine Sucht. Als blind und leer schweifende kann diese sich gar nicht dorthin begeben, wo sie gestillt würde“.

Wenn die rückwärtsgewandte Sehnsucht sich etwa als Nostalgie äußere, dann gehöre zur vorwärtsgewandten Sehnsucht die Utopie. Der Zürcher Psychologe Matthias Vogt stellt fest, daß die Sehnsucht sich sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft richte, also gleichzeitig Retro(spektion) und Vision enthält. Das regressive und progressive Moment der Sehnsucht stehe in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Kein Widerspruch, denn beides sind Formen der „Ferne“. Sehnsucht, so Vogt, sei darüber hinaus eine ausschließlich menschliche Empfindung - im Gegensatz zum Trieb oder Bedürfnis, welche auch Tieren eigen sind. „Sehnsucht treibt uns zurück oder vorwärts in einen Zustand der Grenzenlosigkeit.“ …

Der Kontakt mit der entzauberten Wirklichkeit erübrigt sich für den wahren Ästheten nicht. Und wichtiger noch: Sehnsüchte müssen nicht in Erfüllung gehen. Was uns lebendig hält, ist weniger die Erfüllung der Sehnsucht als die Sehnsucht selber. Die Sehnsucht zu erfüllen entspricht dem Wunsch, eine Blume haben zu wollen und sie dann zu pflücken. Die Sehnsucht ist erfüllt, die Blume aber ist tot.
PAOLO BIANCHI: ALS REISENDE IM PRÄ-MILLENNIUM


„Sieh,“ sprach Gott, „ich habe dich nicht anders brauchen können, als wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärst du irgendwo sitzengeblieben und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach Freiheit mitbringen müssen.“
Herrmann Hesse: Des Landstreichers Lebensaufgabe aus: Knulp


die Neugier

Die Verhaltenspsychologie zählt die Neugier zu den Trieben (=Grundbedürfnisse): Auf Automatismen beruhende, das Appetenzverhalten auslösende, auf Abreaktion drängende und anschließend neu entstehende aktionsspezifische Antriebsenergie. Die angestaute Erregung wirkt als Verhaltensursache für triebbefriedigende Handlungen oder eine Leerlaufhandlung. Beim Menschen ist die Triebbefriedigung weitgehend sozial überformt; es besteht die Möglichkeit der Ablenkung auf andere Gegenstände, der Hemmung durch ethische Zielsetzungen, der Aufschiebung der Triebbefriedigung, des Triebverzichts sowie der Sublimierung.
Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999


Sie entstehen aus dem Menschen heraus, werden aber durch äußere Anreize verstärkt und ausgelöst. Zur Neugier gehören das Erstaunen (Emotion) und der Gesellungstrieb (Antagonist). Als äußere Anreize des Neugierverhaltens gelten:

Neuheit – Komplexität – Mehrdeutigkeit – objektive Unsicherheit/Unvorhersagbarkeit einer Folge von Ereignissen

Abenteuerlust als Ausdrucksform von triebhaftem Neugierverhalten?

Der Sinn der Neugier zielt auf Sicherheit. Das Unbekannte birgt Risiken, es bekannt zu machen, senkt das Risiko. Je größer die bekannte Umgebung ist, je vorhersagbarer die Reaktionen der Umgebung sind, je mehr Probleme gelöst sind, je mehr Wissen man hat, je mehr Neues zu Bekanntem geworden ist, desto größer ist die erreichte Sicherheit. Weil die Neugier nur ein Mittel ist, die Sicherheit zu erhöhen, sprechen manche (Felix von Cube) auch vom Sicherheitstrieb.

Erleben Abenteurer ihre Umgebung eher als reizarm? Haben sie einen ausgeprägteren Sicherheitstrieb als andere oder sind sie besonders altruistisch?

Dem Trieb voraus geht häufig ein »Appetenzverhalten« als Sicherheitssystem. Es schafft Situatione, die die Chance zur Triebbefriedigung erhöhen. Beispielsweise streifen Raubtiere durch ihre Umgebung, weil dies die Wahrscheinlichkeit erhöht, Beute zu machen.

Ist Reisen das Appetenzverhalten der Neugier? Das Neue als Beute?

Triebhandeln zeichnet sich in der ersten Phase oft durch Gier aus; der Mensch als vernunftbegabtes Wesen hat allerdings die Macht, hier einzugreifen, die Gier zu zügeln. Übersteigertes Triebhandeln (Wollust, Völlerei, Neugier) wurde im Mittelalter von Augustinus (Confessiones) als sündhaftes Laster angesehen („Augenlust“).

Das würde erklären, weshalb die Vorstellung des Abenteuers erst verwendet werden konnte, als diese Auffassung ihre gesellschaftlich wirkende Kraft verlor.


Lust und Genuß entstehen, wenn

a) Triebe befriedigt werden, wenn die äußere Handlung in völligem Einklang mit den inneren Bedürfnissen steht und die individuellen Mittel optimal eingesetzt werden. Das dabei entstehende Gefühl wird seit einigen Jahren als Flow bezeichnet (Csikszentmihalyi) Diesen »besonderen dynamischen Zustand«, dieses «holistische Gefühl bei völligem Aufgehen in einer Tätigkeit«, erlebt man insbesondere bei einer anstrengenden Tätigkeit. »Handlung erfolgt auf Handlung, der Handelnde erlebt ein einheitliches Fließen von einem Augenblick zum nächsten …, kaum eine Trennung zwischen sich und der Umwelt, zwischen Stimulus und Reaktion, oder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft«

b) wenn Unsicherheit in Sicherheit verwandelt wird.

Das Flow-Gefühl ist nur von kurzer Dauer. Doch wenn die Lust zum Selbstzweck wird, gerät sie zum Laster. Sie wird verhaltenspsychologisch sinnlos. Angst warnt vor Überforderung und Erschöpfung.


Der Trieb kann in eine Handlungsfolge zerlegt werden [theoretische Stufen nach Felix von Cube]

1. ein Bedürfnis entsteht spontan und wird zunehmend stärker: Neugier; Bedürfnis nach Informationen über Problembewältigungsstrategien

2a. ein äußerer Reiz erzeugt zusätzliche subjektive Unsicherheit: Neues & Komplexes & Mehrdeutiges & Unsicheres

2b. oder man sucht nach auslösenden Reizen (Appetenzverhalten), z.B. durch Reisen

3. Triebhandeln: unbekannte Situation (Kick) - Gefahr (Thrill) - Bewältigung (Flow)

5. Lusthandeln:

a) Steigerung und Wiederholung bis zur Übersättigung oder Erschöpfung

b) Vermeidung ungehemmter Triebbefriedigung durch Vernunft und Angst


2 Paradigmen des Abenteuers

Der Entdecker

Erfolg war für Entdecker ein Resultat der Erkenntnis und bestand im Schaffen nützlicher Räume. Sein Lohn bemaß sich am Ruhm innerhalb eines kolonialen Systems.


»Es gibt zwei Formen des Entdeckers: einmal den, welcher im Herzen fast aller Menschen lebt, und dann den anderen, den wirklichen, dreidimensionalen Menschen, der tatsächlich eines Tages aufbricht nach den Grenzen der Welt. Man kann über den zweiten nicht schreiben, ohne im Leser die Vorstellung des ersten zu wecken. … Christoph Columbus, der Mann, der uns die andere Hälfte der Erdkugel schenkte, lebt in der Gedankenwelt des einfachen Menschen als gänzlich entpersonalisiertes Wesen, als Held …Zum Irrealen, das die Gestalt des Abfahrenden umgibt, gesellt sich das Irreale des Ziels seiner Fahrt. Der Entdecker, der in uns lebt, gehört ins Märchen, in jenes schöne Märchen von der Sehnsucht, die Grenze des vertrauten Lebenskreises zu durchbrechen, auszuziehen nach den erahnten, jenseits der Berge liegenden Schätzen.
André Leroi-Gourhan.


Verwunderung [war] die zentrale Figur in den ersten europäischen Begegnungen mit der Neuen Welt, das entscheidende emotionale und geistige Erlebnis angesichts radikaler Verscheidenheit … Nil admirari, so lehrte die Maxime der Alten. Aber gegeneüber der Neuen Welt erschien das klassische Vorbild reifer und ausgewogener Unvoreingenommenheit ebenso unangemessen wie unmöglich. Mit Kolumbus’ Reise begann ein Jahrhundert des Staunens. … Der flatternde Herzschlag ist eines der echten Anzeichen für Verwudnerung, denn Albertus Magnus schreibt, Verwunderung sei, wenn das Herz sich zusammenzieht … Man sieht etwas Verblüffendes, aber das Entscheidende passiert nicht dort draußen, sondern tief drinnen, im vitalen und emotionalen Zentrum des Beobachters. … Verwunderung ruft alles hervor, was sich nicht verstehen läßt. Verwunderung verweist auf das Problem der Glaubhaftigkeit und steht gleichzeitig für die Unabweisbarkeit, das absolute Erfordernis von Empirie.
Greenblatt, Wunderbare Besitztümer


Ob Petrarca 1336 den Mont Ventoux real oder nur literarisch bestieg, ist umstritten. (Petrarca: Itinerarium breve de Janua usque ad Jerusalem et terram sanctam). Entscheidender ist sein Motiv, denn es bedeutet den Abschied vom mittelalterlichen Laster der „Augenlust“, das Thomas von Aquin noch im 13. Jahrhundert als läßliche Sünde einstufte. Zählte zuvor nur innere Erfahrung als wertvoll, so gilt nun für Petrarca die Neugier als Kennzeichen eines überlegenen Geistes. 200 Jahre später lobt selbst der Papst das Reisen als gewinnbringend und lobenswert [siehe Varthema]. Die Form des Reiseberichts entwickelte sich und verbreitete sich durch die Erfindung des Buchdrucks stärker als je zuvor. Er schuf erstmals eine Tradition von geographischem Wissen, das nachfolgende Reisende erweitern konnten.

Die Grenzen der bekannten Welt galten als gottgegeben. Ein Entdecker brach jedoch auf, um die von Gott gesetzten Grenzen zu überschreiten.– diese Einstellung praktizieren Wissenschaftler im Experiment, Entdecker und Abenteuer beim Durchstreifen unbekannter Räume.

Entdecken bedeutete nun, Raumerfahrung für eine Wissensgesellschaft in Form des Reiseberichts aus subjektiver Sicht auf überprüfbare Weise bekannt zu machen: »Ich, Columbus, habe mit meinen eigenen Augen gesehen, daß …«

Entdecker suchten erst einmal weiße Flecken auf der Landkarte, auch wenn sie dazu erst einmal die Landkarte neu entwerfen mußten. Erfolg bedeutete, Informationen zurückzubringen: Richtungen, Entfernungen, Küstenlinien, Flüsse … An ihrem Gehalt bemaß sich der Erfolg: sie mußten neu sein, nachvollziehbar und vor allem nützlich. Es ist kein Zufall, daß die „nutzlosen“ Pole erst zuletzt zum Ziel wurden.

Als Protagonist gilt gemeinhin Columbus, 1492 markiert den Beginn der Europäisierung der Erde. Columbus nannte sich in Spanien colón, was soviel hieß wie Siedler – ein Name als Programm. Doch auch er kam eigentlich zu früh. Das Wissen über die Neue Welt bedeutete Macht und wurde geheimgehalten. Auch deshalb wurde Amerika nicht nach Columbus benannt, sondern nach Amerigo Vespucci, einem Kaufmann, der vermutlich Columbus’ Schiffe verproviantierte, und der den ersten Reisebericht über Amerika veröffentlichte.

Frühere Entdeckungen Amerikas hatten keine gesellschaftliche Relevanz, dem Individual-Abenteuer der Wikinger folgte kein nacherlebtes Sozio-Abenteuer, ihre Kenntnisse wurden in kein Weltbild eingefügt. Dem Erfolg der Tat folgte kein mythischer Erfolg. Auch der Mythos Columbus entstand erst viel später, dann aber um so gründlicher. Spätere Generationen sagten: »Er schenkte uns die halbe Welt«. Mag sein. Lange blieb jedoch unbemerkt, daß er auch die Endlichkeit der Welt schenkte. Seit 1492 wird die Welt kleiner, ihre Geschlossenheit wurde erkennbar. Wer sich auf einer Kugel von einem Ort fortbewegt, nähert sich ihm auch schon wieder an. Der Beginn des Zeitalters verwies bereits auf die Probleme an dessen Abschluß.


Der Erforscher

Erfolg war für Erforscher ein Resultat der Erkenntnis und bestand im Schaffen nützlichen Wissens. Sein Lohn bemaß sich am Ruhm innerhalb eines wissenschaftlichen Systems. – »Wissen ist Macht«, Wissenschaft

Charles de Brosse, Autor der Histoire des navigations aux Terres Australes (1756) schlug als erster vor, Wissenschaftler auf Entdeckungsreisen mitzunehmen. 1788 gründete Sir John Banks in London die Association for promoting the Discovery of the Interior Parts of Africa als erste der geographischen Gesellschaften. Sie überlebte Sir John nicht, der 1820 starb. Die Lücke wurde von der 1830 neu gegründeten Royal Geographic Society gefüllt, die National Geographic Society entstand erst zwei Generationen später in den USA, ihre Mitgliederzeitschrift ist heute an jedem Kiosk zu haben.

Mit der Gründung der geographischen Gesellschaften geriet das vernünftige Abenteuer vollends in wissenschaftlich geordnete Bahnen: Kriterien und Maßstäbe wurden entwickelt, Expeditionen dementsprechend finanziert, Publikationen in den angesehenen Fachorganen bedurften der Zustimmung etablierter Wissenschaftler. »400 Jahre Forschungsreisen und systematische Beobachtung haben eine Geschichte der Natur hervorgebracht, die eindeutig auf der Tradition des Reisens fußt und viele Motive des Reisens enthält.« (Leeds 226)

Am unrühmlichen Ende dieser Reihe steht König Leopolds Gesellschaft … Er kann beanspruchen, die Gesetzmäßigkeit zwischen Entdecken und Aneignen nicht nur verstanden, sondern systematisch praktiziert zu haben. Livingstones Durchquerung von Afrika, sein Bericht darüber, die Gründung besagter Gesellschaft und die wirtschaftliche Ausbeutung der Kongoregion gingen innerhalb von … Jahren Hand in Hand.

Zuletzt blieben die kalten und öden Pole. Dort war nichts zu holen außer Ruhm, also rief England zur Eroberung auf und verkündete das „Heroische Zeitalter“ (1900-1914). Es endete mit der Shackleton-Expedition und dem Ersten Weltkrieg.


Die Zeit des Entdeckens fällt etwa in die Zeit der Renaissance, die Zeit des Erforschers begann im Humanismus, am Übergang des 16./17. Jahrhunderts. Entdecken ist Voraussetzung für Erforschen. Wer etwas entdeckt, macht es bekannt, gibt der Welt Kenntnis. Erforschen führt vor allem tiefer und meint eine systematische Untersuchung nach vorher bestimmten Kriterien nicht unbedingt geographischer Natur. Kenntnis erreicht eine breite Öffentlichkeit und verändert deren Vorstellung von Welt; Wissen zielt auf einen Teil der Öffentlichkeit, vielleicht nur auf Spezialisten, und führt zu mehreren Schichten von Weltverständnis. Erforschen läßt sich die Welt endlos, doch erscheint jedes neue Wissen unbedeutender vor dem bereits angehäuften Wissensberg.

Mit einiger Verzögerung erreicht solches Verhalten auch bürgerliche Schichten. Im 18. Jahrhundert läßt sich der Typ des encyclopädischen Reisenden erkennen: Friedrich Nicolai reiste 1781 mit seinem Sohn drei Monate und schrieb 13 Jahre am 5000seitigen Bericht über diese Reise. Graf Leopold von Berchtold entwickelte eine „Anweisung für Reisende“ mit einem 277seitigen Fragebogen.

Erkenntnis und Wissen waren die Schlüssel, deren sich die Abenteurer bedienten. Sicherheit speist sich aus zwei Quellen: Wissen bietet Sicherheit über Haltepunkte im Außen und äußert sich in Erkenntnis, Glauben bietet innere Haltepunkte und äußert sich durch Überzeugungen. Abenteurer auf der Suche nach Wissen haben daher gar keine Wahl: Sie brauchen Gewißheit durch Glauben, müssen von ihrer Sache überzeugt sein.

Im 18. Jahrhundert bestimmten Reiseberichte den Buchmarkt. Sie befanden sich in einem Dilemma: Einerseits wollte das Publikum »Unerhörtes«, andererseits bestand es auf Glaubwürdigkeit. So entstanden vielfach Reisesammlungen, die die Berichte der Reisenden entmythologisierten und die subjektiven Erlebnisse (Adventures) von den Fakten (Statistik) trennten. In dieser Zeit entwickelt sich der Reisebericht qualitativ und quantitativ stärker denn je..

1830 wird die erste Eisenbahn gebaut, 1841 führt Thomas Cook die erste Pauschalreise durch, fast gleichzeitig erscheinen mit dem Murray und dem Baedeker die ersten modernen Reiseführer. Sternchen kennzeichnen das „Muss“, das es am Ziel zu entdecken gibt. Der Tourist als doppelt geführter Reisender folgt den einfachen Wegen der Geleise und den Anweisungen des Reiseführers. In der Gestalt des Touristen hat sich das Nacherleben von den Reiseberichten gelöst, im geschlossenen System von Waggon, Fahrplan und Gleis werden Reiseabschnitte zum industrialisierten Fertigprodukt, in der Form des Reiseführers finden sich die Resultate jener Fragebögen aus dem 18. Jahrhundert gespeichert und mühelos nachvollziehbar.

Findet sich in der konfektionierten Pauschalreise der zum vernünftigen Abenteurer passende Kult? Der Jahresurlaub als rituelles Fest? Werden die Archäologen künftiger Zeiten die Bettenburgen richtig deuten als Kultstätten? Huldigen Souvenirs und Diaabende dem Erfolg, den die Abenteurer in ihren Sammlungen aus der Ferne mitbrachten?


Der Held

Erfolg war für den Helden ein Resultat seiner göttlichen Bestimmung und bestand darin, sein Geschick zu erfüllen. Sein Lohn bemaß sich an der Unsterblichkeit innerhalb eines theokratischen Systems. – Walhalla, Halbgott, Heldengesänge


Wieso entsteht erst im Mittelalter ein Begriff für „Abenteuer“? Was unterscheidet den Protagonisten jener Zeit von denen früherer Zeiten, Lancelot von Odysseus? Nun, es ist der Standpunkt. Aristoteles sagte im 4. vorchristlichen Jahrhundert außerhalb der Stadt gäbe es nur Ungeheuer und Helden.

Für Homer war der Heros ein Krieger, ein Held, später wurden solche Verstorbene als Heros bezeichnet, denen ein allgemeiner Kult gewidmet wird. Wieder einige Zeit später finden wir den Heros im Mythos eingebunden, schließlich als Figur zwischen Menschen und Göttern, als niedere Gottheit. Zu Ehren der Heroen wurde ein schwarzer Stier geopfert, dessen Blut ins Grab des Heros floß, dann wurde das Tier verbrannt. Zu Ehren der Heroen wurden oft Spiele abgehalten, selbst die großen Nationalspiele sollen Heroen gewidmet worden sein. [Brockhaus 16. A.] Und waren die Gladiatorenspiele nichts anderes als ein Heldenkult?

Der Heros strebt kein Abenteuer an. Er sucht es nicht, sondern es widerfährt ihm. Er begreift sich als ein von einer höheren Macht Auserwählter, der er sich demütig unterwirft. Er nimmt sich einer Sache an, die größer ist als er selbst und weiht ihr sein Leben. Odysseus zieht in den Krieg, Telemachos sucht seinen Vater Odysseus … Sie beugen sich einer Weisung, tun etwas, daß sie aus eigener, freier Entscheidung nicht getan hätten und reisen sehenden Auges unbekannten Gefahren entgegen, um ihr Ziel zu erreichen. Ihr Handeln hat einen Zweck. Erfüllung bedeutet, für diesen Zweck sich selbst und andere zu überwinden – koste es, was es wolle, auch das Leben. Das gelingen der Tat schreiben sie nicht sich selbst zu, sondern einer höheren Macht, dem Glauben an etwas. Sein Geschick ist vom Schicksal bestimmt. Penelope, Odysseus Gattin, ist benannt nach der Schicksalsgöttin.

Die typische Reiseliteratur dieser Epoche ist einerseits linear konstruiert und chronologisch nachvollziehbar (Itinerarien), andererseits erzählend (Epos).


Der Ritter

Erfolg war für den Ritter ein Resultat persönlicher Freiheit und bestand im Sieg. Sein Lohn bemaß sich an seiner Ehrbarkeit innerhalb eines feudalistischen Systems.
Ritterschlag, Sir, Adelsstand

Die Verbreitung des Christentums führte auch dazu, daß die Abkunft von den Göttern den Einzelnen nicht mehr adelte. Erfolg mußte sich also auf eine andere Quelle zurückführen lassen. Die alten Standesmerkmale wirkten nicht mehr; die zum neuen Adel Aufsteigenden nannte man die „Ehrbaren“. Die verarmten Freien wurden insbesondere im 7. Jahrhundert zu Vasallen, taten Kriegsdienst und konnten dann Grundbesitz in Form von Lehen erhalten. Im 9. Jahrhundert bildeten sie Reiter- statt der bisherigen Fußheere. Im 10. Jahrhundert bildet sich in Frankreich der erste „ordo militaris“. Das Ritterwesen bildet sich heraus. [Steinhausen 106 ff, 268 ff.]

»Das Wichtige war die allmählich sich herausbildende Betonung bestimmter Dienstleistungen, die als ehrenvoll galten, das Erheben über die gewöhnliche Arbeit.« [Steinhausen 269] Der Glanz der Vasallen sollte auch ihren Herrn ehren. {Ritter der Tafelrunde}

Die Ritter des Mittelalters waren freie Männer und Lehensmänner im Gegensatz zu den Bauern. Sie „glauben an und bauen auf ihre eigene Macht und Kraft“. Diese Autonomie, das Fehlen von Beziehungen, ist die Basis ihrer Freiheit. Dieses Selbstverständnis als Individuum unterscheidet sie von den antiken Helden. Sie hatten das Recht auf „freien Aufbruch“, das Recht, Waffen zu tragen und das Recht, am Feldzug ihres Kriegsherrn teilzunehmen und an seiner Beute beteiligt zu sein.

Sie begeben sich freiwillig auf die Suche. Sie suchen die Gefahr unbekannter Räume: im verzauberten Wald, in fernen Ländern … Sich der Gefahr auszusetzen, birgt den eigentlichen Gewinn des Abenteuers, die dazu nötige Reise ist Selbstzweck, ohne Notwendigkeit. Der Ritter sehnt herbei, was der antike Held notgedrungen in Kauf nimmt: das Unerwartete, das Neue, das Fremde. Hierin äußert sich das Element des Schicksals, des Sagenhaften und Wunderbaren, das dem Abenteuer eignet.

Dieser Begriff von Abenteuer erhob die Ritter über die Nicht-Ritter, es zeichnete ihr Wesen aus, so lange dieses Wesen gefragt war. Der primäre Gewinn bestand darin, Ehre zu erlangen, eine gute Partie zu werden, reich zu heiraten, Ansehen im Adelsstand zu erhalten … Der Ritter sucht als Individuum die Gefahr, um gesellschaftliche Sicherheit zu erlangen. Damit wird auch klar, weshalb sich die Ritter jener Zeit niemals selbst „Abenteurer“ nannten: In Wirklichkeit suchten sie ja die Sicherheit des Hofes. Gesellschaftlich weniger erfolgreiche Ritter nutzten ihre Fähigkeiten im individuellen Raubrittertum.

»Generationen von »einfachen« Menschen, die Söhne von Holzfällern und Wasserträgern, haben diese Einstellung und diese Begriffe übernommen, um sich zu definieren und freie, adlige Männer zu werden.« (Leeds)

Als gesellschaftliches Phänomen konsolidierten die Ritter eine feudale Gellschaft, sie bildeten die Kriegerkaste der Fürsten. Aventure war der Mythos, der sie einte. Je erfolgreicher die Ritter gesellschaftlich waren, desto weniger brauchten sie ihre Individual-Aventure auszuüben; es genügte, davon zu erzählen und sie zu verklären. Die Aventure sollte den Ritter adeln, mußte also auch selbst als höfische Idee geadelt werden. Dies rief zwei parallele Prozesse hervor:

Erstens:

Die Aventure verbindet sich mit dem Wunderbaren, dem Märchenrepertoire der Riesen, Feen, Zauberer … Das Image der Aventure mag schon damals als Teil der Werbung verstanden worden sein. Dann muß es nicht wirklich eine Individual-Aventure in diesem Sinn gegeben haben: So, wie der Marlboro-Mann das Image der Zigarettenmarke aufbaut, aber niemand erwartet, daß die Zigarette ihn in den Wilden Westen versetzt. Das Prädikat des Wunderbaren geht von der Realität ins Literarische der Abenteuerromane über.

Zweitens:

Aventure wurde zur Ideologie, zum Glaubenssystem, dessen Glaubenseinstellungen ritualisiert werden; der Mythos wird von seinem Kult, den Turnieren und Ritterspielen, überlagert. Der Begriff der Aventure wird auf Liebensabenteuer übertragen.

Die Aventure hatte ihre Hochzeit als Individual-Abenteuer etwa ab dem 9. Jahrhundert, ihre Hochzeit als Sozio-Abenteuer etwa ab dem 12. Jahrhundert. Mit der qualitativen Entwertung der Individual-Aventure geht eine quantitative Zunahme während der Kreuzzüge einher: »die Ereignisse geschehen, wie Gott es will« (Villehardouin). Im 12. Jahrhundert wird der Ritterstand erblich, das heißt, er erstarrt. Die Umdeutung des Begriffs hält über Jahrhunderte an. Im 16. - 17. Jahrhundert werden Söldner meist abschätzig als „avanturiers“ bezeichnet, mit der begrifflichen Nähe zu Freibeutern und Räubern. Die Aventure ist nun auch als Idee erschöpft, als Mythos hat sie schon lange ausgedient. Ihre Entwicklung begann beim germanischen Freien, führte über den einsam reisenden Ritter bis zu den Kreuzzügen.


Der merchant adventurer

Erfolg war für den merchant adventurer ein Resultat des Glücks und bestand im Profit. Sein Lohn bemaß sich an der Kreditwürdigkeit innerhalb eines kapitalistischen Systems. – Frau Fortuna, »Jeder ist seines Glückes Schmied«


Marco Polo steht für den Individual-Abenteurer an der Wende des 13./14.Jahrhunderts: er notiert Markt- und Handelsplätze, bewertet verläßliche und unzuverlässige Handelspartner und -völker, schätzt die Gewinnchancen von Gütern ab, katalogisiert die regionalen Produkte … Seine Interessen und vielleicht seine Jugend bedingen, daß er die Länder und Völker ohne die ideologische Brille der katholischen Kirche sieht. Seine eigene Erfahrung und Beobachtungen gewichtet er stärker als vorgegebene christliche Interpretations- und Glaubensmuster. Nach 25 Jahren zurückgekehrt, will sie in ihren Lumpen niemand mehr erkennen. Erst als sie große Mengen an Edelsteinen aufhäufen, galt dies als Beweis ihrer Identität, „man bewies ihnen die größte Ehre und Referenz“.

Schon zur Zeit der Ritter findet sich als Nebenbedeutung von Aventure: Ertrag, Einkunft, Beute, Fang …

Die „Beute“ ist nicht ohne Glück zu gewinnen, da Aventure mit Risiko verbunden ist. In Chaucers Canterbury Tales stellt sich Frau Fortuna vor: »Bruder, nennt mich Aventure …« und in der Provence entsteht eine Frau Aventure, die Glück bringt. Diese Nebenbedeutung von Aventure gewinnt in dem Maße, als die Hauptbedeutung gesellschaftlich in Verruf gerät. Sie wird insbesondere in Deutschland, England, Italien zum festen Terminus der Handelssprache. Reisende Kaufleute, Fernhändler werden als Abenteurer bezeichnet, ohne daß dies abwertend gemeint wäre, vereinzelt wurde gar die Ware, die hohen Gewinn versprach, als Abenteuer bezeichnet. Der Aventiurehandel bezeichnete ein Absatzgebiet, dessen Absatzmöglichkeiten unbekannt waren. Die abenteuerliche Einstellung des merchant adventurer brachte Bewegung in eine erstarrte Gesellschaft, eine Bewegung, die von den Rittern schon lange nicht mehr ausging.

Händler mußten immer schon reisen; mit der Bildung von Städten und deren Funktion als Marktplätzen wurden viele Händler seßhaft. Um so mehr wuchs die Bedeutung der Kaufleute im Fernhandel, die oftmals zu Großhändlern wurden und mit Risikokapital arbeiteten. Vom 12. bis 14. Jahrhundert erscheint der Kaufmann in schriftlichen Quellen immer als reisender Kaufmann. Weshalb zeigt er nun ein besonders ausgeprägtes Abenteuerverhalten?

Aus mehreren Gründen nahm im 12. Jahrhundert die Edelmetallmenge zu. Die Kolonisierung Osteuropas läßt den Warenumsatz enorm steigen. Das Markt-und Städtewesen wächst. Stadtluft macht frei, hieß der Rechtsgrundsatz, der im späten Mittelalter viele Bauern in die Städte zog, weg von ihren Feudalherren. Dies und andere Einflüsse drängen den Naturalhandel zurück und lassen die Bedeutung des Geldhandels steigen. Das Geld wurde verbrieft und mußte nicht mehr transportiert werden. Sinkendes Risiko und steigende Geldmengen ließen bei Kaufleuten mit Sinn für Abenteuer völlig neue Unternehmensideen sprießen.

Natürlich ist es kein Zufall, daß sich besonders italienische Kaufleute hervortaten: [Shakespeares Kaufmann von Venedig] Erstens hatte Oberitalien im 15. Jahrhundert den höchsten Urbanisierungsgrad der Erde, zweitens bestanden über Venedig Handelsverbindungen in den Orient und drittens entstanden in Oberitalien die doppelte Buchführung, das Bankgeschäft („Lombardzins“) und das christliche Kreditwesen (man trickste das Zinsverbot durch „Rentenzahlungen“ aus).

Der geniale merchant adventurer konnte gewaltige Gewinne erzielen, ging allerdings auch gewaltige Risiken ein. Der Höhepunkt der merchant adventurer war überschritten, als sich im 14. Jahrhundert Transport und Handel trennten; der vordem reisende Kaufmann wurde seßhaft und delegierte die mit Reisen verbundenen Aufgaben. Organisationsformen sozialisierten das Risiko. Die Kommanditgesellschaft war ursprünglich eine Gemeinschaft von Kaufleuten, die das Risiko größerer „Seedarlehen“ verteilen wollten. Gemeinschaften reisender Kaufleute wie die Hanse, Gilden, Ostindische Company … sind immer im Zusammenhang von Handel, Reisen und Sicherheit zu verstehen. Im joint venture klingt der abenteuerliche Charakter des Risikokapitals an. Der Handelskrieg verdrängte den Beutekrieg.

Jahrmärkte & Kirmes, Messen & Märkte, die ursprünglich primär dem Handel dienten, wurden auf den Unterhaltungscharakter reduziert: Der Handel ist kultiviert, ist bleibt der Kult.


Der Abenteurer der Zukunft

für den Abenteurer der Zukunft wird Erfolg ein Resultat sein von … und im Schaffen von … bestehen. Sein Lohn wird sich am … bemessen, innerhalb eines … Systems.

Erfolg war für den merchant adventurer ein Resultat des Glücks und bestand im Profit. Sein Lohn bemaß sich an der Kreditwürdigkeit innerhalb eines kapitalistischen Systems. – Frau Fortuna, »Jeder ist seines Glückes Schmied«

Erfolg war für den Ritter ein Resultat persönlicher Freiheit und bestand im Sieg. Sein Lohn bemaß sich an seiner Ehrbarkeit innerhalb eines feudalistischen Systems.
Ritterschlag, Sir, Adelsstand

Erfolg war für den Helden ein Resultat seiner göttlichen Bestimmung und bestand darin, sein Geschick zu erfüllen. Sein Lohn bemaß sich an der Unsterblichkeit innerhalb eines theokratischen Systems. – Walhalla, Halbgott, Heldengesänge

Die romanischen Sprachen kennen zwei Formen der Zukunft. Eine berechen- und voraussehbare, "future" (frz.), und eine nicht planbare, die auf uns zukommt: "l’avenir" (frz.)

Jede neue Generation von Abenteurern bringt Bewegung in eine verfestigte Situation, in der sich viele Menschen ausgeliefert fühlen, als Opfer durch Geburt/Herkunft, gefangen in einer Mangelsituation ohne Ausweg. Es mangelte ihnen an Göttlichkeit, Rechten, Geld, Wissen und immer an Freiheit. Abenteurer zeigten ihnen einen neuen Weg zu einem begehrenswerten Gut, sie sind »aventiure herren« mit vorzeigbarem und wahrnehmbaren Erfolg.

Das Abenteuer kennt immer nur einer: Das ist der, der die sichere Höhle verlassen hat. Die anderen sitzen in der Höhle und schauen den Schatten zu, den das Abenteuer draußen an die Höhlenwand wirft. Doch sie entscheiden, was als Abenteuer anerkennenswert ist.


erlebtes Abenteuer-anerkanntes Abenteuer

Reisen -Tourismus
Erleben -Nacherleben
authentisch -symbolisch
Tat -Kult
Risiko -Sicherheit
Improvisation -Ritual
erfolgreiche Situationsbewältigung-Einhalten der Ordnungsstrukturen
sich anpassen -anderes aneignen
narrativ -interpretativ
Paradigma -Syntagma
Kontext -Code
zukunftsorientiert -vergangenheitsorientiert
revolutionär -konservativ
Experiment -Spiel
plausibel -belegt
Abenteurer -Philosoph


3 Wahrgenommenes Abenteuer

Grenzüberschreitung und Regelverletzung

Derart rasche Übergänge zu neuen Formen der Zivilisation sind nur dann möglich, wenn das Denken der Menschen den Gegebenheiten der bestehenden Zivilisation vorausgeeilt ist, wenn sich die Lebenskraft der betreffenden Völker in ein Abenteuer der Phantasie gestürzt hat, das die physischen Abenteuer der Exploration des Neuen antizipiert. Die Welt träumt dann von den Dingen, die kommen sollen; und wenn die Zeit reif ist, geht sie an ihre Verwirklichung. Es ist in der Tat immer so, daß dem physischen Abenteuer, das einen bestimmten Zweck verfolgt, ein Abenteuer des Denkens über Dinge, die noch nicht wirklich sind, vorausgegangen ist. Bevor Columbus die Segel setzte, um nach Amerika aufzubrechen, hat er vom Fernen Osten, von der Kugelgestalt der Erde und von den Gefahren des grenzenlosen Ozeans geträumt. Abenteurer erreichen selten das Ziel, das sie sich vorgenommen haben. Columbus ist nie in China angekommen; aber er hat Amerika entdeckt.

Manchmal hält sich das Abenteuer in bestimmten Grenzen, kann seine Ziele vorausberechnen und sie auch erreichen. Dies sind dann die Abenteuer, die wie ein Wellenzug kleinerer Veränderungen bestimmte Epochen einer Zivilisation durchlaufen und frischen Wind in die stagnierenden Zustände bringen. Aber der Sinn für das Abenteuer kann eine beträchtliche Kraft entfalten, und früher oder später wird die Einbildungskraft die sicheren Umzäunungen der bestehenden Verhältnisse und der erlernten Regeln des Geschmacks überspringen. Dann treten - begleitet von Dislozierungen und Wirren — neue Ideen auf, mit denen sich der Zivilisation neue Aufgaben stellen.

Jede menschliche Gesellschaft ist im Vollbesitz ihrer Lebenskraft, solange es in ihr zu realen Kontrasten zwischen dem kommt, was gewesen ist, und dem, was sein könnte, und solange sie sich vom Sinn für das Abenteuer über die Grenzen des Gewöhnten und Gesicheren hinausbewegen läßt. Eine Zivilisation, in der es keine Abenteuer mehr gibt, muß verfallen.
Alfred North Whitehead: Abenteuer der Ideen


Was hat Ihnen dieser Flug gebracht?

Piccard: Öffentlich betrachtet die Genugtuung, das letzte grosse Luftfahrtabenteuer erfolgreich bestanden und damit meiner Familiengeschichte eine neue Seite hinzugefügt zu haben.

Und persönlich betrachtet?

Piccard: Dass das Leben aus schwierigen Situationen besteht, in denen man mit Angst und Zweifel konfrontiert ist. Überschreitet man diese Grenzen nicht, kommt man nirgendwo hin. Beharrlichkeit, Ausdauer und Vertrauen sind in diesem Zusammenhang wichtig. Auch im Alltagsleben gibt es unumkehrbare Situationen, die man einfach akzeptieren muss. Todesfälle, Dramen, Leiden. Flüchtet man sich in die Vergangenheit, leidet man noch mehr. Wer sie allerdings akzeptiert und einen Schritt nach vorne tut, akzeptiert auch, sich wieder in den Strom des Lebens einzufügen. Das Leiden ist dann sehr viel schwächer.


Kulte lassen sich als Spiel auffassen (Huizinga) und interessanterweise decken sich etliche der Abenteuermerkmale mit dem Spielbegriff von Huizinga: Spielen ist freies Handeln, … ist sittlich, rational und physisch überflüssig, … dient dem Vergnügen, … ist zweckfrei, … bedarf der Geheimnistuerei, … schafft Ungewißheiten und Chancen, … ist eine besondere Situation im Alltag, … neigt zur Clubbildung…

Zwei wesentliche Unterschiede gibt es jedoch: Spielraum ist immer begrenzt, es läuft in einem festgelegten ideellen oder materiellen Rahmen ab; Spiel gehorcht Regeln, schafft Ordnung. Spiel „ist nicht so gemeint“ …

Das Abenteuer jedoch geht aufs Ganze. Spiel und Kult sind zwei Seiten einer Münze – das Abenteuer enthält Elemente von beiden, denn Kult ist höchster und heiliger Ernst, ebenso wie das Abenteuer. Der Kult als heilige symbolische Handlung versetzt den Teilnehmer in eine andere geistige Welt, das Abenteuer als profane nützliche Handlung versetzt ihn in eine andere, äußere Welt.


Abenteuer als Erzählform

Vom best-teller zum best-seller: Erzählung, Mär, Sage, Moritat, Epos, Roman, Reisebericht, Comic, …

Die Vorstellungen über das Abenteuer lösen sich vom konkreten Abenteuer, werden vereinfacht, reproduziert und multipliziert.


Erlebnisse verdichten sich noch einmal im Austausch darüber. Gemeinsame Erlebnisse werden durch’s Erzählen gesichert und bilden einen guten Grund für weitere Gemeinsamkeit. Vielleicht liegt gerade hier der Sinn der Erlebnispädagogik: einzeln gemachte Erfahrungen verblassen gegenüber dem, was eine Gemeinschaft erlebt hat.
Ralph-Ruprecht Bartels Landesjugendpfarramt


Am Beginn jedenfalls ist der Abenteurer, wenn auch eine Idee von seinem Status wohl erst entsteht, als er sich zweifelhaft zu werden beginnt, noch ganz im Einklang mit den Erfordernissen des Fortschreitens in der Geschichte. Denn am Anfang ist ja nur Raum und Schrecken, der durchmessen sein will, eine Welt, die geschaffen werden kann, indem sie erzählbar wird. Und wer könnte anders die Welt erzählbar machen als der Abenteurer? Abenteuer und Erzählen sind untrennbar miteinander verbunden; der Held, der den Raum, welcher zur (eigenen) Welt werden soll, durchmißt, durchstreift, durchkämpft, erlebt seine Abenteuer nur, damit sie erzählt werden können, und erzählt werden sie, damit zugleich eine geografische und eine mythische Topografie in den Herzen der Menschen entstehen kann. Wir schicken den Abenteurer hinaus, damit er uns eine Welt erfindet und sie uns zu unserer erzählt. (Was den Tod des Abenteuers in unserer Zeit anbelangt, so ist keineswegs ausgemacht, ob es an der Unfähigkeit zum Erleben oder an der zum Erzählen hängt.) […] Eine andere Form des modernen Abenteurers aber ist der «Aussteiger», derjenige, der die Zivilisation hinter sich läßt, um sich in eine Auseinandersetzung mit der Natur einzulassen, wie etwa Thor Heyerdahl, der den Atlantik mit einem prähistorischen Floß überquerte, oder Bergsteiger wie Reinhold Messner, der ein «Medienereignis» ist. Sie alle sind insofern auch Abenteurer, insofern sie Erzähler sind.

Der wirkliche Abenteurer hat seine Geschichte selbst erzählt, oder er hat freundliche Biografen gefunden wie Buffalo Bill. Das erfundene, nur literarische Abenteuer ist sicher nicht zu denken ohne das historisch-mythische Urbild. Denn der Abenteurer definiert auch ein Verhältnis seines Publikums zur Geschichte, da er nicht nur die Räume, die Terra incognita, durchstreift, sondern auch die historischen und sozialen Räume, die auch eine Dimension der Zeit aufweisen. […] «Die unterhaltende Literatur des europäischen Mittelalters war - soweit sie nicht in der abendländischen Sprache des Latein vorliegt - zu einem erheblichen Teil in einer ästhetisch sehr anspruchsvollen Verssprache abgefaßt, wie sie uns etwa in den Ritterromanen der höfischen Zeit entgegentritt. Diese Literatur setzte - auch aufgrund ihres symbolhaftallegorischen Gehaltes - die geschlossene soziale Sphäre der Höfe voraus und beschränkte sich damit aufeinen kleinen Kreis literaturkundiger Kleriker und meist adliger Laien. Erst als im ausgehenden Mittelalter Erzählstoffe der Antike, der italienischen und französischen Literatur sowie Versromane in deutsche Prosa übertragen wurden, konnte ein größerer Leserkreis durch diese erreicht werden. Bemerkenswert in dieser Entwicklung sind die später als Volksbücher bekanntgewordenen Prosaromane, deren meist anonyme Autoren besonderen Wert auf.einen verkürzten und spannenden Handlungsverlauf ihrer legten. Die Drucker der Historienbücher ließen die Geschichte durch das populäre Darstellungsmittel des Holzschnittes illustrieren. Die einfachen Bilder förderten das Publikum im anschaulichen Verstehen der Texte und erhöhten damit den Unterhaltungswert der Liebes- und Abenteuergeschichten» (Helmut Melzer).

So war bereits am Ende des Mittelalters die Voraussetzung dafür gegeben, daß Abenteuer-Erzählungen und Abenteuer-Bilder in den «Volksbüchem» zu einer Vorform der Massen-, gar der «Trivial»literatur werden konnten. Diese seit dem Ende des 14. Jahrhunderts vor allem in den Städten verbreitete Literatur bestand vor allem aus Nach- und Weiterdichtungen der überlieferten Geschichten aus dem Umkreis der Artus-Legende und deutscher Heldensagen. […]

Das Abenteuer aus den Volksbüchern erreichte zunächst einen Stand, dem im wirklichen Leben das Abenteuer wohl nicht fremd, aber kaum dienlich für den eigenen Erfolg und den Status sein konnte: die Kaufleute und Patrizier in den prosperierenden Städten. Hier war also die Funktion des Abenteuers schon diametral entgegengesetzt zu der in der höfischen Dichtung, wo die erzählte und die tatsächlich gelebte oder zumindest gesuchte Aventiure einander bedingten. Das literarische Abenteuer begann von einer mythisch-allegorischen Wiedergabe einer Lebenshaltung zu einem Ersatz zu werden, von einem Traum zu Pferde zu einem hinter dem Ofen. Und dieser «Ersatz» sollte einst so sehr die Phantasien seines Publikums beherrschen, zu einer Parallel-Wirklichkeit werden, daß der Don Quichotte bei dem Versuch, diese wohlfeilen Träume von Rittertum und Abenteuer zu leben, kläglich an der Wirklichkeit scheitern mußte (und doch auch, aber anders: grandios über sie triumphierte).
Fritze, Seeßlen, Weil: aus: Der Abenteurer. Geschichte und Mythologie … [1983]


Dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene Heldensagen zugrunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige Speise waren. Sie konnten nicht zugrunde gehen, weil diese Völker (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) abenteuerlich dachten und entweder gar nicht oder im Abenteuer lebten. Ein Volk, von wenigen, aber starken Begriffen und Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmäßigen, gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; es bleibt gegen sie kalt und träge. Dagegen flammet’s auf, wenn ein Abenteuer ruft, wenn wie ein Jagd- und Kriegshorn die Abenteuersage ertönet. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und Neigungen ging diese Liebe zum Abenteuer auf Geschlechter hinab; der geistliche Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriffen der Zeit war, bemächtigte sich dieses Triebes; er fabelte, dichtete, erzählte.

Von Erzählungen fängt alle Kultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern, aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die, insonderheit unter freiem Himmel, ein halbmüßiges Leben führen. Wo sie auch leben, Norweger und Araber, Perser und Mogolen, der Gote, Sachse, Frank und Katte des Mittelalters, noch jetzt alle halbmüßige Abenteurer, Krieger, Jäger, Reisende, Pilger haben hierin einerlei Geschmack, einerlei Zeitkürzung Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren, unternehmende Kühnheit seine Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr großer Mentor der Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre Legenden selbst darnach schrieben, so taten sie es nicht immer aus Lust zu betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der Zeit; eine echte Mönchschronik mußte vom Anfange der Welt anfangen und in bestimmten Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Römer (Geschichte und Dichtung auf einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt fortgehn; das war der gegebene Umriß. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die allesamt geistliche und weltliche Abenteuer waren, formte sich der Umriß der Erzählung, bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeiten ist wie ein zyklisches Gedicht zu lesen.

Wenn aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abenteuermärchen so verschiedner Völker in so verschiednen Gegenden und Umständen eine »Ilias,« eine »Odyssee« erwachsen, die allem gleichsam den Kranz raubte und jetzt als Sage der Sagen gelte?
Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität


Abenteuer als Mythos & Ideologie

So wirken die Wege des Abenteurers zurück auf die Gesellschaft, der er entfloh, als Mythos und Muster. Er stabilisiert die Vorstellungswelt «seiner» Gesellschaft, indem er das Entfernte und das Wunderbare erzählbar macht. Es ist nicht so sehr das Verbotene, nicht allein das Exotische, was der Abenteurer stellvertretend erfährt und weitergibt, es ist vielmehr das eigentlich Überflüssige, die Freiheit, Dinge zu tun, die eigentlich im Sinne bürgerlicher Welterfahrung keinen Sinn haben, aber auch Dinge zu erleben, die nicht von vornherein ausrechenbar waren. Der Abenteurer darf sich nicht scheren um ein Verhältnis von Aufwand und Wirkung, darf nicht das Risiko abwägen, das er eingeht, darf eigentlich nicht genau wissen, was er will. Der Berechenbarkeit des Lebens, diesem Paradox einer Zerstörung durch Konstruktion, entkommt der Abenteurer, indem er sich ins Unberechenbare wagt, selber ein wenig Unberechenbarkeit probiert und produziert. Aber da das Abenteuer erst durch seine Erzählung seinen Sinn erfüllt, macht der Abenteurer die Welt auch weiter berechenbar. So ist es letztendlich nur sein Stil, den er gegen dieses Schicksal zu setzen hat.
Fritze, Seeßlen, Weil: aus: Der Abenteurer. Geschichte und Mythologie … [1983]


Ein Mythos schafft einen Begründungszusammenhang zwischen gesellschaftlicher Realität und einem Nicht-Verstehbaren. Dieser Zusammenhang gibt dem gesellschaftlichen Handeln einen Sinn. Ein Mythos wird praktiziert im Kult mit Riten und Festen als symbolischen Handlungen. Wesentliche Elemente des Mythos werden im Rahmen eines Festes feierlich rituell wiederholt. Daran nehmen alle teil. Das festigt den Mythos und vermittelt den Teilnehmern ein Gefühl von Stärke, das sich aus der Gemeinschaft speist. Der mythische Sinngehalt prägt sich dem Einzelnen durch kultisches Handeln ein. Kult vermittelt derart zwischen zwei Welten: Dem als sinnvoll erkannten Realen, das zur Entwicklung des Festes führte und der Lebenswirklichkeit der Feiernden. Der Mensch hat zwei Möglichkeiten, seine Umwelt lernend zu bewältigen: mittels technischer Verhaltensweisen im Außen oder mittels kultischer Verhaltensweisen nach innen.

Wo finden sich Kulte, die dem Abenteuerverhalten der Helden – Ritter – Pioniere – Entdecker – Erforscher – Reisenden …huldigen? Ein solcher Kult müßte Elemente des Abenteuerverhaltens rituell wiederholen: Dionysien, Ritterspiele … Pauschaltourismus?

Der Mythos wird durch den Verstand destilliert und kristallisiert zu Ideen. Die Ideen verbinden sich zur Ideologie mit festen Glaubensgrundsätzen und Handlungsanleitungen. Solcherart wird das Wissen in reinerer und abstrakterer Form bewahrt, Methoden werden rekonstruiert, Kriterien geschaffen, Theorien entwickelt, Neues postuliert. Die Ideologie bietet soziale Sicherheit und Anerkennung auf Kosten individueller Freiheit:

> Den äußeren Rahmen dafür bilden Organisationsformen: Ritterorden, Hanse, Bruderschaften, Kaufmannsgilden, geographische Gesellschaften …

> Anerkannte Erfolge dienen als Vorbild: göttliche Bestimmung, Freiheit, Glück, Erkenntniszuwachs

> Anerkannte Projektionsräume dienen als Ziel: Zauberwald, Horizont, Absatzmärkte, weiße Flecken


© by Norbert Lüdtke , Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens – AGIR, www.reisegeschichte.de.
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