Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V.;
die größte nichtkommerzielle Vereinigung von Reisenden in Deutschland
seit 1974
 HOME 
 KONTAKT 
 IMPRESSUM 
 
    Globetrotter-Forum      
 DAS FORUM
Reisepartner suchen Infos austauschen Kaufen & Verkaufen Jobs Gastfreundschaften Mitfahren zu Treffen Gästebuch
 DIE INFOQUELLEN
Globetrottertreffen Handbuch der Globetrotter Zeitschrift der Globetrotter Reisebücher Eine Reise planen Downloads Infos bestellen
 WIR GLOBETROTTER
Globetrotter erkennen? Geschichte der Globetrotter Der Club der Globetrotter Mitglied werden
 LOGIN
Login-Name : 
Passwort : 
kostenlos registrieren Login-Daten weg ?
 

GESCHICHTE DER GLOBETROTTER



Trotter - Gab's die früher nicht?


"Wer hat euch Wandervögeln / Die Wissenschaft geschenkt/
Daß ihr auf Land und Meeren / Nie falsch den Flügel lenkt/
Daß ihr die alte Palme / Im Süden wieder wählt/
Daß ihr die alten Linden / Im Norden nicht verfehlt."


Diese Grabinschrift auf dem Friedhof Berlin-Dahlem soll den wanderbegeisterten Jugendlichen in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts den Namen "Wandervögel" eingebracht haben. Damals wurde das Wandern zur Mode, ein langer wirtschaftlicher Aufschwung brachte die nötige Leichtigkeit.
Die Wandervögel bilden eine Wurzel des individuellen Reisens, andere sind bedeutender, aber weniger angesehen. Der Hamburger Bildhauer ALFRED PFARRE sinniert 1912: "Ihr habt eine Ferienfahrt gemacht als sorglose Wandervögel, nun kommt deine Reise als Handwerksbursche, vielleicht bald als Landstreicher. ... Beginne nun endlich deine Fahrt und wage mutig den bedeutsamen Schritt vom Wandervogel zum Handwerksburschen."


Von der Walz zur Vagabondage
Die Polizei beobachtet und kontrolliert die Handwerksburschen, das weiß MATHIAS LUDWIG SCHROEDER genau: "Auf eine Fleppenkontrolle darf ich es nicht ankommen lassen, sonst bin ich verratzt, denn ich habe bereits zwei Nächte auf eigene Faust, ohne Aufenthaltsstempel, im Heu geschlafen." Arbeitsnachweise oder der Stempel: "Inhaber hat sich heute vergeblich um Arbeit bemüht" helfen der Polizei, Gesellen von Vagabunden zu unterscheiden, denn äußerlich gleichen sie sich. Sie sind arm, zu Fuß unterwegs und bemühen sich Tag für Tag um Essen und ein Bett. Sie haben Zeit, doch selten Arbeit und lassen sich das Betteln nicht verbieten. Noch unter den Heimatlosen gab es Hierarchien: "Der Speckjäger ist ein Ausbeuter der Verkommenen; ein Organisator der Bettler und Simulanten; der Wucherer des Asyls ... " Der König der Vagabunden, GREGOR GOG, nennt in TRAPPMANNS Buch "Landstraße, Kunden, Vagabunden" den Landstreicher "einen Menschen, der sinnlos umherzieht, für den das Herumtreiben eine besondere Art Trunksucht ist, was manche Forscher sogar veranlaßt, von einem Atavismus der Instinkte aus der Nomadenzeit der Menschheit zu sprechen. ...Und es ist so leicht, auf die Landstraße zu gehen. Man tritt aus seiner Wohnung und wandert. Aber wie kommt man von der Landstraße wieder ab? Wenn man keine Arbeit findet, wenn man kein Zuhause mehr hat? ... Jeder hier hat etwas Rauhes und Hartes an sich, doch keinem ist der Grimm angeboren; alles ist aufgelegt, aufgesetzt, von der Landstraße, von dem Elend, das sie umgibt."

1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später sind es 450.000, ein Hinweis auf die wachsende Unsicherheit, meint TRAPPMANN: "Die Auflösung der auf materielle Sicherheit gegründeten bürgerlichen Ordnung und die Lockerung aller bisher gültigen moralischen Begriffe ließen ... ein Lebensgefühl entstehen, das den Unbehausten, den Grenzgängern, Abenteurern und Vagabunden, auch bei den Intellektuellen, eine kaum mehr vorstellbare Popularität verschaffte. Jack London und B. Traven erzielten Massenauflagen. Der Tramp Charlie Chaplin, melancholischer Verlierer und Angreifer zugleich, wurde zum enthusiastisch gefeierten Volkshelden. Wanderstab und Bettelsack waren die romantische Verkleidung des erschütterten bürgerlichen Lebensgefühls, aber auch Symbol für Hoffnung und Widerstand."

KARL RAICHLE, THEODOR PLIEVIER, GREGOR GOG trafen sich nach dem Ersten Weltkrieg in Urach am Rande der schwäbischen Alb: "das schon vor dem Krieg ein Treffpunkt für Wanderprediger und Tippelbrüder, Lebensreformer und Naturapostel war und sich nach 1918 zum süddeutschen Zentrum der lebensreformerischen Bestrebungen entwickelte," sagt TRAPPMANN. Die drei bildeten den Matrosenkreis: "im Ahasver, im ewigen Juden erkannte man sich wieder. Gottsucher waren sie, namenlose Männer des dämmernden Morgens, wie PLIEVIER 1919 in einer Selbstanzeige des neugegründeten Verlages der Zwölf schrieb."

Der altniederrheinische cunde war ein Späher und Kundschafter, er wußte mehr als andere. GUSTAV BRÜGEL, Landstreicher und Schriftsteller aus Balingen bei Stuttgart, gab 1927 die erste Zeitschrift der Vagabunden heraus: "Der Kunde",; GREGOR GOG übernahm nach der ersten Nummer und gründete die "Bruderschaft der Vagabunden". Pfarrer, Dichter, Anarchisten, Maler, Träumer und Wanderprediger, Jugendbewegte und Asoziale gingen auf die Landstraße, im Kontakte mit den Berliner "Anarcho-Syndikalisten" und der "Gilde freiheitlicher Bücherfreunde".

1928 fand der erste öffentliche Vagabundenabend in Stuttgart statt, weitere folgten in Berlin, Mannheim, Hamburg, Dortmund. Pfingsten 1929 trafen sich in Stuttgart 600 Vagabunden aus Deutschland, Österreich, Böhmen, Polen, Dänemark, Finnland, Ägypten. 1930 drehte die UFA einen Vagabundenfilm mit GREGOR GOG und anderen Vagabunden. Im gleichen Jahr gab es in Deutschland acht Ausstellungen von Vagabundenkünstlern. Doch 1933 wird GREGOR GOG verhaftet, kommt in ein Konzentrationslager und flieht Ende 1933 in die Schweiz. Die Bücher der Vagabunden wurden verboten, das gesamte Archiv abtransportiert. Die folgenden zwölf Jahre genügten, um Kultur und Tradition der Vagabunden fast vollständig auszurotten.

Romantisches Wandern
"All sein hab und gut auf den buckel nehmen, nicht andere tragen lassen, und deshalb ... reduzieren und minimieren. ... gehen lernen, wie es der körper will, stundenlang, tagelang. Klug und schlau werden gegenüber hitze und kälte, regen und trockenheit, tag und nacht. Man entdeckt das licht, die großen stunden des tages und der nacht, das wasser und die furcht ..." Die Freiheit des Gehen in der Wüste entdeckte und beschrieb OTL AICHER in schönen Bildern. Weit über 200 Jahre früher fand der aufklärende Denker JEAN-JACQUES ROUSSEAU, Genfer und Franzose, in der Natur der Schweizer Bergwelt Weitblick und Raum für freies Denken, für seinen Traum vom erfüllten Leben. Um 1750 erwanderte er sich die Schweiz als vielleicht erster überzeugter Fußwanderer. Klima und Luft rühmend, Bergwelt und Älpler idealisierend entwarf er 1761 in seiner "La Nouvelle Héloïse" Visionen eines Arkadiens, die nachfolgende Generationen begierig aufnahmen. Die Schweiz mit ihren mühselig zu überschreitenden Pässen, bislang nur Durchreiseland, wurde zum Ziel: Hirten erschienen sorglos, Alpen wurden zu saftigen Matten, Felshänge scheinen schützend bei Caspar David Friedrich, vereint mit malerischen Sturzbächen. Rousseaus "Retournons à la nature!" hallte bis tief in unser Jahrhundert. Wilde Wald- und Berglandschaften erhielten nun romantisierende Beinamen, die Sächsische Schweiz wurde als eine der ersten getauft. Naturgenuß, die Schweiz als Symbol für Freiheit und das Wandern als klassenlose Reiseart - das waren Ideen, die in das Saeculum der Revolutionen paßten. Fußreisen waren ein Affront gegen ständische Überzeugungen, denen rote Wangen bäurisch schienen, weiße Haut als Zeichen besseren Standes galten, frische Luft als schädlich galt und denen es unschicklich war, sich körperlich zu betätigen.

JOHANN SEUMES "Spaziergang nach Syrakus" von 1802 wird gerne als Höhepunkt jener Zeit gesehen und ist doch eigentlich ein Kontrapunkt - SEUME ist Realist, kein Romantiker, empfindsam, doch nicht schwärmerisch, wandert nicht aus Mode. Zwei Jahre nach Erscheinen der "Heloise" als Sohn eines verarmten Bauern geboren, ermöglichten ihm Gönner ein theologisches Studium. Das bricht er ab, macht sich auf den Weg nach Paris, und wird gesucht: "Daß ein Student den Tag vorher, ehe er durchgeht, seine Schulden bezahlt, schien ein starker Beweis des Wahnsinns." Hessische Werber preßten ihn in das für Nordamerika bestimmte Söldnerheer. 1783, nach zwei Jahren Amerika desertierte er. Die Fußreise, zu der er im Dezember 1801 aufbricht, ist ihm etwas Besonderes: "Meine meisten Schicksale lagen in den Verhältnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sizilien war vielleicht der erste ganz freye Entschluß von einiger Bedeutung." Im April ist er in Syrakus, besteigt Ätna und Vesuv und wandert über Paris zurück, neun Monate währt die gesamte Tour. "Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. ... Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft."

Das Wandern als Fußreise ohne Not und Zwang entsteht als bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung. Kulturell geschätzt wird sie erst seit der Industrialisierung des Reisens: Raum wird zum Hindernis, Zeit ist Geld, Wahrnehmungen rauschen vorbei. Neue Verkehrsmittel und verbesserte Straßen lassen die Fußreise in neuem Licht erscheinen. Gehen als unmittelbarste Form der Bewegung, ohne Vermittlung, in direkter Berührung der Umwelt, in menschgemäßem Tempo und mit ungefilterter Wahrnehmung. Gehen verändert die Wahrnehmung nur gemächlich, Reaktion ist möglich. Sich-gehen-lassen meint, das Denken ausschalten, dem Körper die Wahl der Geschwindigkeit, des Rhythmus überlassend. Wenig romantisch ist die Straße im 19. Jahrhundert allerdings für die Wanderarbeiter, das industrielle Proletariat.

Auch Reisen wurde beschleunigt, die Rousseauschen Ideen verblaßten. Karl Baedeker gab 1839 seinem ersten Reiseführer, einer Rheinreise von Mainz nach Cölln, den Untertitel "Handbuch für Schnellreisende". Mit den ersten Eisenbahnstrecken in England 1825, in Deutschland 1835 und international 1843 verkleinerte sich die Welt zusehends, wurde für weitere Schichten erschwinglich. 20 Jahre später durchzog ein Schienennetz die Alpen. Wandervereine entstanden - die Eisenbahngesellschaften förderten die Gruppenreise -die Berge rückten näher, der Alpinismus wurde modern. Der erste Alpenverein wurde 1857 in England gegründet, der österreichische 1862, der deutsche 1869. Im Alpinismus wurde die schon etwas schal gewordene Melange aus Freiheit, körperlicher Bewegung und Natur wiedergeboren. Das sportliche Interesse wuchs, der english sportsman war Vorbild. Wieder war es das gehobene Bürgertum, das sich in den Alpenvereinen fand, für Handwerker, Arbeiter und Tagelöhner war kein Platz.

Doch das Proletariat holte auf und genoß einige Jahrzehnte die abgelegten Wandermoden des Bürgertums. In Wandervereinen zogen Arbeiter am arbeitsfreien Sonntag nach einer 80-Stunden-Woche in die stadtnahe Natur, "soziales Wandern" wurde angestrebt, die Jugend von "Kneipe und Kirmes" ferngehalten, "Reisehandbücher für wandernde Arbeiter" beschrieben detaillierte Strecken. Solche Freizeit war preiswert, erholsam, entspannend. Eine Generation später gründeten Sozialdemokraten 1895 den Arbeiter-Wanderverein "Die Naturfreunde". 1932 waren in 53 touristischen Wandervereinen 250.000 Mitglieder organisiert.

Der Volksschullehrer Richard Schirrmann sorgte in Altena-Nette ab 1907 für Wanderunterkünfte und schuf 1912 die erste Jugendherberge, der Förderer Dr. Graßl nennt das Ziel: "Überall soll der Wanderer ein sauberes, sicheres Heim vorfinden, das ihm das Elternhaus in der Fremde ersetzt ... das ihn nicht ausbeutet, das ihn vor schlechter Gesellschaft bewahrt ...". 1932 gab es 2124 Jugendherbergen in Deutschland, die Übernachtungszahlen dieses Jahres wurden erst 1951 wieder erreicht.

Wer reisen kann, ist gesellschaftsfähig?
Buschmänner und Eskimos ließen Alte und Reiseunfähige zurück. Bei den Nomaden war es eine Strafe allein zu reisen - den Weg nicht zu kennen, dem Schutz der Gruppe zu entsagen. Bei den Seßhaften war es eine Strafe, heimatlos zu sein, dem Reisenden die Rückkehr zu versagen. Der Reisende mußte lernen: bestehende Bindungen aller Art zu lösen, vertrautes Gebiet zu verlassen, die Orientierung zu verlieren und wiederzugewinnen, sich seiner Angst, den selbstgeschaffenen Ungeheuern zu stellen, sich zielorientiert in kleinen Gruppen zu organisieren, Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren, sich selbst kennenzulernen und seine Fähigkeiten einzusetzen, zu improvisieren, wach zu sein in unbekannten sozialen Zusammenhängen, kurzfristig und kurzzeitig Bindungen herzustellen, zu kommunizieren und sich durchzusetzen, unabhängig Entscheidungen zu treffen und schließlich bereit sein, zurückzukehren. Ohne die Bereitschaft zurückzukehren ist der Reisende verloren, Exilist, ewig Wandernder, Ahasverus. Der Verlust der Vertrautheit ist sein sozialer Tod

Reisen ins Unbekannte dienten als Prüfstein für individuelle und soziale Fähigkeiten. Gilgamesch, Odysseus, Ritter suchten aventiure. Wer zurückkehrt, beweist sich als lebenstüchtig. Wenn dann noch Wissen mitgebracht, Wahrnehmungsweisen geschärft, Fähigkeiten entwickelt wurden, profitiert die ganze Gemeinschaft. Wer aber in der Ferne bleibt, taugt nichts in den Augen der Seßhaften.


NORBERT LÜDTKE & ARCHIV ZUR GESCHICHTE DES INDIVIDUELLEN REISENS
© Deutsche Zentrale für Globetrotter e.V.