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Wegzeiger. Zur Kulturgeschichte des Verirrens und Wegfindens
Norbert Lüdtke, 16.05.2004
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MARTIN SCHARFE
Marburg: Jonas 1998. 13x21 cm: 112 S., 65 Abb. 28 DM
Wer mit Verstand und Studium irre geht, der macht überhaupt gar keine Irrwege, er macht höchstens Umwege. (Wilhelm Heinrich Riehl, Wanderbuch)
Mit den heutigen “All-Inclusive-Reisen” hat unsere Kultur die bislang oberste Sprosse unselbständiger Reisen betreten. Wer so weit über der Welt angelangt ist, hat weder Boden unter den Füßen noch einen Blick fürs Detail. Langsam hinabsteigend finden wir die einfache Pauschalreise, die Studienreise, das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, schließlich das individuelle Reisen mit Reiseführer und Landkarte. Und dort, knapp über dem Boden, finden wir noch eine unscheinbare, unbeachtete Sprosse: den Wegzeiger am Straßenrand – die erste technisierte Form des geführten Reisens.
Der Wegzeiger in seiner frühesten Gestalt mag nichts anderes als ein Pfeil gewesen sein, angebunden an einen Stamm, der allen Nachfolgenden kundtat: “Du bist richtig. Hier geht’s lang!” Erleichternd ist solche Bestätigung noch heute den einsamen und müden Wanderern in den Bergen – drunten im Tal haben Straßen die Funktion des Wegzeigers verinnerlicht.
Das vorliegende Büchlein aber verläßt schnell die technische Geschichte des Wegzeigers. Der Autor bewegt sich tastend (ohne Wegzeiger) in unerschlossene Gebiete: Die äußere Form des Richtungspfeils als Spiegel der kulturellen Entwicklung? Der Pfeil als Archetypus von C.G. Jung?
Natürlich: Der Wegzeiger wird aufgestellt, weil ein allgemeines Bedürfnis besteht, sich zu orientieren. Orientierungslos laufen wir Gefahr uns zu verirren und zu verlieren – eine archaische Angst wird besiegt durch den Glauben an einsamen Pfeil, durch Vertrauen an eine vorgegebene Richtung. Allerdings setzt das voraus, daß der Suchende mit jenen, die den Wegzeiger aufstellen, die gleichen Werte teilt: nämlich möglichst schnell und einfach zu einem Ziel zu kommen, Umwege zu vermeiden.
Martin Scharfe hat zahlreiche Details und hübsche Illustrationen gesammelt, er erzählt eher kursiv als dozierend und verfällt dennoch manchmal in einen etwas akademischen Stil. Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche und das sich gut zum Verschenken eignet.
Norbert Lüdtke & Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens www.reisegeschichte.de
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