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Voyage - Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung


Norbert Lüdtke, 16.05.2004

bu1379_bt_voyage Für erfreulich halte ich das langsam zur Institution werdende Periodikum „Voyage - Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung“, das erstmals 1997 erschien. Ein kompetentes Herausgebergremium (Tobias Gohlis, Christoph Hennig, Dieter Richter, Hasso Spode) sorgt einerseits für wissenschaftliche Gediegenheit – andererseits werden mit journalistischem Fingerspitzengefühl wissenschaftliche Höhenflüge vermieden, die Leser bleiben im Blick der Schreiber. Dazu trägt auch bei, daß die Bände zunehmend einem Schwerpunktthema gewidmet werden. Zu diesem Forum der Reisekultur sehe ich keine vergleichbare Alternative in den deutschsprachigen Medien.
Äußerlich ähneln sie broschierten Studientexten, die der Verlag mit möglichst wenig Aufwand und für den intensiven Ge- und Verbrauch produzieren möchte. Darauf verweist auch der Hinweis im Impressum: »Herstellung. Books on Demand GmbH«

Voyage - Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung
Band 5: Reisen & Essen

Köln: DuMont 2002. Einband mit Fadenheftung 15 x 22 cm: 199 Seiten, Textabb. 20,40 €
Das Thema finde ich Klasse: ich esse gern, koche gern, reise gern. Und so habe ich mich mit Genuß hier und da immer wieder festgelesen und absatzweise genascht. Mal mit mehr, mal mit weniger Genuß, denn über Reisen & Essen nachzudenken ist nun gar nicht vergleichbar mit Reisen & Essen genießen. Manches wird dabei ungenießbar, doch das liegt in der Natur der wissenschaftlichen Vorgehensweise: Eine Sache wird solange zerpflückt und scheint verstanden, wenn sie nicht mehr zu erkennen ist. Und so finden sich Beiträge über regionalküchen, kulinarische Reisen auf der Suche nach Spezialitäten und über Nahrungsmitteltransporte auf der Suche nach Konsumenten. Pizza, die Geschichte des Speisewagens und die Gastronomie der Kreuzfahrtschiffe passen zum Thema, erschöpfen es aber nicht.

Vermißt habe ich einen Kulturvergleich zwischen Eß- und Reisekultur: Jeder kennt den Unterschied zwischen der Nahrungsaufnahme zum Sattwerden und dem Genießen um des Genusses willen. Ich meine, so etwas gibt es auch beim Reisen: dem hemmungslosen Vielfraß, dem Gourmand, ähneln die konsumfreudigen Urlaubsmobilisten. Kantinenfutter und Tütensuppen gibt’s auch in den Reisekatalogen zuhauf. Doch wo sind die Drei-Sterne-Restaurants der Reiseszene? Wo werkeln Spitzenköche an Reisekunstwerken? Immerhin wissen wir, wo die Gourmets der Reiseszene Gleichgesinnte treffen. Und ein Pendant zu Escoffiers Kochkunstführer haben wir auch.

NORBERT LÜDTKE & ARCHIV ZUR GESCHICHTE DES INDIVIDUELLEN REISENS WWW.REISEGESCHICHTE.DE

Voyage - Jahrbuch für Reise- und Tourismusforschung
Band 4: Tourismus verändert die Welt – aber wie?

Köln: DuMont 2001. Einband mit Fadenheftung 15 x 22 cm: 195 Seiten, Textabb. 20,40 €
Das Thema ist uns vertraut, es wird in der dzg seit deren Gründung diskutiert (siehe Sonderausgabe zum Trotter 100), mal mehr, mal weniger heftig. Derzeit weniger heftig. Die Intensität scheint in etwa synchron mit der Umweltdiskussion zu laufen und findet auch ähnliche Bahnen. Zunächst stimmt jeder zu: Klar, die (Um-)welt muß geschützt werden. Doch nutzen will sie auch jeder und so wird die Verantwortung für den Schutz gern delegiert. Man trennt seinen Müll, hat ein reines Gewissen. Und fliegt für acht Tage in die Dom Rep.
Nun gebe ich gerne zu, daß die meisten (fast alle) überfordert sind mit Ursachenanalyse, Wirkungszusammenhängen, Folgenabschätzungen und Schutzmaßnahmen. Immer, wenn sich die Begriffe komplex, Prozeß und System häufen, verabschiedet sich der Diskurs vom Alltag. In der Komplexität verlieren sich auch die Beiträge dieses Bandes. Das macht sie nicht weniger wichtig, nicht falsch oder überflüssig - nein, aber es ist ganz schön weit weg vom Reisealltag, wenn geschrieben wird über »Komplementäre Urbanität. Vom Zusammenhang von lokalen Identitäten und fernräumlichen Aktivitäten«. Dazu paßt dann auch das »Kunstprojekt Trixi Planet«, das die Spuren menschlicher Wanderung mit einem 3-D-Laserscanner scannt und in Dreiecks-Gitterstrukturen digitalisiert. Damit verlassen wir die Meta-Ebene und befassen uns mit Zeichen von Zeichen.
Der Band versammelt mehr als ein Dutzend schillernder Beiträge, die aus großer Höhe einzelne Lichtspots auf das unüberschaubare Phänomen des Tourismus werfen. Wer diese Perspektive einnehmen kann, wird viele denkanstöße erhalten. Mit Reisen im engsten Sinne hat das allerdings nicht mehr viel zu tun. Vielleicht wäre es dienlich gewesen, das Schwerpunktthema enger zu fassen.

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