ALAIN DE BOTTON
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz., Frankfurt am main: S. Fischer 2002. Pappband mit Schutzumschlag und Lesebändchen 12,5 x 20,5 cm: 288 Seiten, Anmerkungen, Textabbildungen 19,90 €
Der Titel ist irreführend: Es geht hier nicht um die Kunst des Reisens, sondern um die Kunst, seine Reiseerfahrungen ästhetisch auszudrücken. Das ist natürlich etwas ganz anderes.
Der Autor sucht sich »guides« für die einzelnen Kapitel, beispielsweise Baudelaire und Edward Hopper, wenn es ums Reisestationen geht oder Gustave Flaubert zum Thema des Exotischen. Man erfährt einiges über das Verhältnis von Flaubert zum Reisen, seinen Hang zum Exotischen dem Abscheu vor Nachbarn, der Provinz, Frankreich, Europa … Im letzten Kapitel läßt er sich von Xavier de Maistre führen, dem Autor der »Reise um mein Zimmer«. [1790 erhielt de Maistre einen politisch bedingten Hausarrest. Wütend raste er in seiner kleinen Welt. Daß er sich im Geiste frei fühlte, zeigte er durch die Reise um sein Zimmer.]
Den Schlüssel zu diesem Buch liefert der letzte Abschnitt: »Wir begegnen Menschen, die auf Eisschollen getriebne sind, die Wüsten durchquert und sich durch den Dschungel hinduchgekämpft haben – und in deren Seele wir vergeblich nach Spuren ihrer Erlebnisse suchen. Mit einem rosa-weißen Pyjama angetan, machte Xavier de Meistre uns die leise Andeutung, doch vor dem Aufbruch in ferne Welten erst einmal einen Blick auf das zu werfen, was wir schon zu kennen meinen.«
Die Methode, die de Maistre aus der Not gebiert, wird für de Botton zum Programm. Es ist die Methode des Flaneurs. Für ihn besteht der Sinn des Reisen in der Suche nach dem Schönen. Doch »das Schöne« ist subjektiv: Etwas Wahrgenommes spricht etwas in uns an, es berührt uns und löst dadurch ein harmonisches Gefühl aus. Dies bedeutet für den Flaneur zweierlei:
Erstens: Man muß bereit für Wahrnehmungen sein. Mit der richtigen Perspektive kann ich auch mein vertrautes Zimmer als »neu« wahrnehmen und darin reisen. Die Kunst des Flanierens besteht dann darin, seine Umgebung Tag für Tag neu zu erkunden, vertraute Straßen, Plätze, Orte anders wahrzunehmen, sich von Eindrücken berühren zu lassen.
Zweitens: Der Flaneur arbeitet an seiner Wahrnehmungsfähigkeit. Wo andere ein Blau sehen, entdeckt er das Universum der blauen Farbtöne. So gewinnen Farben, Töne, Gerüche, Muster, … an Vielfalt. Das geht nur, wenn er seine Innenwelt auf- und ausbaut, kurz: er bildet sich an den bildenden Künsten, an Literatur, Musik …
Das Reisen des Flaneurs ist dem Reisen des Abenteurers diametral entgegengesetzt. Die Suche nach dem Unbekannten und Neuen in der Ferne, nach neuen äußeren Reizen hilft dem Abenteurer, seine Fähigkeiten im Umgang mit Gefahren zu erproben. Der geübte Globetrotter könnte es genießen, mit verbundenen Augen in ein Flugzeug gesetzt zu werden, dessen Ziel er nicht kennt, doch in der Gewißheit, sich an jedem Zielort zu behaupten. Der Flaneur sucht nach neuen Reizen im Vertrauten, er erweitert dabei seine Innenwelt, seine Fähigkeiten im Umgang mit sich selbst. Die unberührte Natur ist nicht seine Welt, eher entspricht ihm die Großstadtkultur, denn er sieht sich als »empfindsamen Reisenden«, der durch zuviel Neues eher verletzt wird.
Der Flaneur galt als ausgestorben, scheint mit de Botton jedoch wieder einen Fürsprecher gefunden zu haben. Interessant ist, daß die »sentimental journey« ihre Blütezeit in der Epoche der Französischen Revolution hatte und nun, nach 1989 und zum fin de siécle (vielleicht) wiederauflebt. Wen das Thema interessiert:
Ulf Peter Hallberg: Der Blick des Flaneurs, G. Kiepenheuer Leipzig 1995.
Gudrun König: Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs. Böhlau Wien 1996.
NORBERT LÜDTKE & ARCHIV ZUR GESCHICHTE DES INDIVIDUELLEN REISENS WWW.REISEGESCHICHTE.DE
|