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Exzentriker auf Reisen um die Welt
Heike Geratz-Bodewig, 20.12.2007
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JOHN KEAY
Exzentriker auf Reisen um die Welt
Sieben Porträts
1. Auflage (=Critica Diabolis 146), Aus dem Englischen von Norbert Hoffmann. Edition Tiamat im Verlag Klaus Bittermann Berlin 2007. Broschur 12,5x21 cm: 224 Seiten, Textabb. 14€
Nachdem ich in dieses Buch hineingelesen hatte, war ich bereits nach wenigen Seiten begeistert. John Keay schien seine Einführung gerdaezu für die Mitglieder der dzg geschrieben zu haben. Das paßte. Also fragte ich beim Verleger Klaus Bittermann an, ob wir diese Einführung im Trotter drucken dürften ... und er stimmte zu (Herzlichen Dank!) Anders als andere reisegeschichtliche Werke fokussierte Keay sein Interesse eben auf jene, die nicht im Rampenlicht stehen, denen die Öffentlichkeit eher suspekt ist, weil sie eben ex-zentrisch sind, außerhalb der Mitte stehen.
Norbert Lüdtke & Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens
www.reisegeschichte.de
Einführung
SELBST DIE USBEKEN HABEN EIN WORT DAFÜR. Nachdem er seinen unwillkommenen Besucher genau betrachtet hatte, rief der gefürchtete Emir von Buchara lachend aus: »Du Stern mit einem Schweif, du exzentrischer Mensch.« So jedenfalls glaubte der Angesprochene, Dr. Joseph Wolff, die merkwürdige Äußerung zu verstehen, und wagte damals nicht, ihr zu widersprechen. Er selbst nannte sich einen christlichen Derwisch und trug bei der Audienz seine anglikanische Amtstracht. Mit unglaublicher Hartnäckigkeit war es Wolff gerade gelungen, sich Zutritt zur heiligsten Stadt im islamischen Zentralasien zu verschaffen. Als er später die Geschichte niederschrieb, erschien ihm die Vorstellung, für exzentrisch gehalten zu werden, eher vergnüglich; das klang auf jeden Fall freundlicher als der Vorwurf, »verrückt« zu sein, oder das damals gleichermaßen verächtliche Etikett »schwärmerisch«.
Als Exzentriker zu gelten, war auch allemal erträglicher, als »Scharlatan«, »Erpresser« und »Narr« genannt zu werden. Captain Philip Thicknesse mußte sich so viele geringschätzige Bezeichnungen gefallen lassen, daß er das milde »exzentrisch« für ein Kompliment gehalten hätte. Wie kaum jemand sonst kultivierte er Exzentrik. Er schätzte ihren Unterhaltungswert, denn er wußte, daß demjenigen viel nachgesehen wird, der die Menschen zum Lachen bringt.
Aber Wolff und Thicknesse sind die Ausnahmen. Obwohl ich glaube, daß sich die Aufnahme der anderen Originale in dieses Buch als gerechtfertigt erweisen wird, so zweifle ich doch, ob sie selbst davon angetan gewesen wären. Charles Waterton, sicher der bizarrste von ihnen allen, machte seine Ansicht völlig klar. Als ein anderer Naturforscher ihn als leicht exzentrisch beschrieb, empörte er sich. Diese Anschuldigung sei eine unverdiente Stichelei, und sie wurde gebührend mit einer heftigen akademischen Attacke erwidert. Für den phänomenalen James Holman wäre es eher eine spöttische Bemerkung gewesen; niemand versuchte so angestrengt wie er, die gesellschaftlichen Konventionen einzuhalten. Und was die anderen drei genialen Männer betrifft, Thomas Manning, Gifford Palgrave und Gottlieb Leitner, sie hätten gewiß jede derartige Anspielung als närrisch ignoriert. Für sie war Exzentrik bloß ein ausgedachtes Trostwort armseliger Köpfe, die etwas jenseits ihrer Fassungskraft zu verstehen versuchten.
Andersartigkeit wird meist von außen zugeschrieben. Die sieben hier versammelten Charaktere verdanken sich meiner persönlichen Vorliebe, und wenn auch jeder einzigartig ist, hoffe ich doch, daß bestimmte wesentliche Gemeinsamkeiten sie verbinden. Erst einmal sind sie alle Männer von ungewöhnlichem Format. Exzentrisches Verhalten entspringt nicht der Leugnung der Logik, sondern ihrer Befolgung bis zu ungeahnten Extremen. Exzessive Unbeirrbarkeit muß kein Handikap, kann vielmehr äußerst erfolgreich sein. Thomas Manning war der erste Engländer, der die tibetische Hauptstadt Lhasa erreichte, Gifford Palgrave gelang das gleiche für die arabische Kapitale Riad, und Gottlieb Leitner gab als erster Bericht von der historischen Landschaft Gilgit im hohen Hindukusch. Seine Zeitgenossen hielten die seltsamen Darden für eine Erfindung; Leitner dagegen betrachtete sich als die größte, in der Tat einzige wissenschaftliche Autorität auf diesem Gebiet. Auch Palgrave wurde allzu phantasievoller Beschreibungen der Araber bezichtigt, und gleiche Vorwürfe trafen Mannings Schilderung von Begegnungen mit Chinesen. Beide hatten sich angeblich Reiseberichte ausgedacht. Doch heute ist Palgrave als einer der größten Arabisten anerkannt, und Manning gilt als ein hervorragender Sinologe. Selbst Leitner erscheint rückblickend als ein Linguist und Ethnologe, der seiner Zeit Jahrzehnte voraus war.
Auch Waterton glaubte niemand. So hatte er etwa beobachtet, daß der südamerikanische Ameisenbär den Boden nicht mit den Fußsohlen berührt und daß das Faultier überhaupt nie auf seinen Füßen läuft. Die damaligen Naturkundler hielten das für absurd - so grotesk wie die Vorstellung, auf einem Alligator zu reiten oder mit einer Boa Constrictor zu kämpfen. Doch beides hatte Waterton gewagt und davon berichtet. Nun wird er als ein bedeutender Feldforscher aus der Zeit vor Darwin und als ein Pionier des Naturschutzes verehrt.
Es sind nicht nur wissenschaftliche und akademische Leistungen, die Anspruch auf Berühmtheit erheben können. Für einen weltneugierigen Reisenden gab es andere Wege, sich einen Namen zu machen. Wolff bedauerte immer wieder seine Unfähigkeit, Karten oder den Kompaß zu lesen; so auch Holman, wenn auch aus anderen Gründen; Thicknesse scheint nicht einmal von solchen Dingen gehört zu haben. Und doch erfreuten sich diese drei in ihrer Zeit einer beträchtlichen Reputation. Wolffs zahlreiche Missionsreisen erregten so große Begeisterung, daß er zu einem Vorbild für Entschlossenheit wurde; was ihm an Witz und Weisheit fehlte, machte er durch seinen unwiderstehlichen Glauben wett. Bei dem streitsüchtigen Thicknesse handelte es sich mehr um traurige Berühmtheit als Ruhm; er schockierte zwei Generationen. Doch auf seinen Reisen zeigte sich der Captain in einem viel freundlicheren Licht. Wer ihn zu Hause für ein unsägliches Ekel hielt, entdeckte plötzlich, daß sich unter der abweisenden Schale Originalität, Humor und Aufrichtigkeit verbargen.
Holman war ganz einfach »der größte Reisende aller Zeiten«. Sein Gebrechen mag zu seinem Ruhm beigetragen haben und auch erklären, warum er später vergessen wurde. Aber das trifft nicht das Entscheidende. Wäre er nicht völlig blind gewesen, hätte er nie das Bedürfnis verspürt, zu seinen unmöglichen Reisen aufzubrechen. Für ihn war, wie bei Thicknesse, Reisen die Rechtfertigung des eigenen Lebens. Sie mußten bis zum Äußersten gehen, um zu wissen, wer sie sind.
Das läßt sich natürlich auch von vielen anderen Welt- und Forschungsreisenden sagen. Exzentrik und Reisen waren beides Formen, um den Konventionen einer rigiden Gesellschaft zu entfliehen. Ihre Verbindung kommt im 18. und 19. Jahrhundert so häufig vor, daß der exzentrische Reisende genauso eine vertraute Figur wurde wie der schrullige Professor oder der dandyhafte Aristokrat. Aus jener Zeit muß es Dutzende geben, die der Bezeichnung entsprechen. Zum Beispiel der vielschichtige und grüblerische Richard Burton, der ganz in die orientalische Gesellschaft eintauchte. Oder Ludwig Leichhardt, dessen seltsame Obsession mit dem australischen Hinterland Patrick White zu seinem ersten Erfolgsroman Voss inspirierte. Oder Lady Hester Stanhope, die Nichte von William Pitt, die ihren eigenen levantinischen Hof führte und es schaffte, sogar Joseph Wolff zur Weißglut zu bringen. Sie und viele mehr waren Exzentriker, deren Ruhm sie zu den Größten dieser eigenartigen Klasse macht.
Aber sie findet man nicht auf diesen Seiten. Zum einen, weil der Platz nicht reicht, zum anderen, weil sie bereits bekannt sind, aber auch, weil ich sie einfach nicht für besonders reizvoll halte. Zu starke Überspanntheit oder quälerische Launenhaftigkeit bereiten dem Betrachter nicht lange Vergnügen. Exzentrik braucht erkennbar humane Züge. Zugegeben, sieben Charaktere, die sich nur durch enorme Unfähigkeit auszeichneten, wären eine fade literarische Kost. Aber das gilt auch für die verbissene Perfektionssucht von Männern wie Richard Burton. Wieviel liebenswerter sind da ein stümperhaftes Genie wie Manning oder ein geschäftiger Griesgram wie Thicknesse. Und wir Leser können von Glück sagen, daß Berühmtheit und Rang Waterton nicht von seiner Lust am Unfug oder Wolff nicht von seinen messianischen Ausbrüchen abhielten.
Uneins mit seiner eigenen Gesellschaft, näherte sich der exzentrische Reisende typischerweise der fremden Umgebung mit größerer Aufgeschlossenheit als seine puritanischen Kollegen. Nicht nur seine besonderen Eigenheiten machten ihn interessant, sondern auch seine zumeist verständnisvolle Einstellung gegenüber allem, was neu und merkwürdig war. Leitner setzte sich für den Schutz und die Erhaltung seiner Darden ein, so wie Waterton für die von ihm beschriebene Fauna und Flora Südamerikas. Manning lernte die Chinesen und Tibeter schätzen, Palgrave hätte beinahe alles aufgegeben, um bei den Arabern zu leben, und der christliche Eiferer Wolff fand bei Muslimen, Juden und Brahmanen Güte, die an Heiligkeit grenzte. Selbst Thicknesse, der mit den Worten Edith Sitwells »das besondere und befriedigende Wissen von der eigenen Unfehlbarkeit besaß, die das Kennzeichen und Geburtsrecht der englischen Nation ist«, bildete keine Ausnahme. Er verteidigte unerschrocken die bei seinen Landsleuten unbeliebten Franzosen, legte ein gutes Wort für die Negersklaven ein und war einer der führenden Verteidiger der amerikanischen Indianer. Solche öffentlichen Äußerungen zielten damals nicht darauf ab, Bewunderer zu gewinnen. Um so mehr verdienen diese wunderbaren Charaktere unsere Aufmerksamkeit und Anerkennung.
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